Die Physiotherapie im Wagerenhof ist ein wichtiger Teil des Alltags und trägt dazu bei, Schmerzen zu lindern wie auch die Selbstständigkeit und Beweglichkeit der Bewohnenden zu fördern. Es geht dabei auch darum, Menschen in ihren Möglichkeiten ernst zu nehmen. Wie viel Physiotherapie bewirken kann, zeigt die Geschichte von Andrea.
Als Andrea vor ein paar Jahren in den Wagerenhof zog, bewegte sie sich kaum noch, auch das Stehen fiel ihr schwer. Seit Jahren ist sie aufgrund einer misslungenen Operation an der Halswirbelsäule auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Dabei weiss ihre Physiotherapeutin Helene: Andrea konnte früher mithilfe eines Rollators laufen. So kam Helene die Idee, mit Andrea im Wasser zu arbeiten: «Im warmen Wasser fühlt sich der Körper leichter an. Bewegungen fallen einfacher und die Gelenke werden entlastet. Für Andrea eröffnete sich damit eine neue Möglichkeit, wieder aktiv zu werden.» Doch wie sollte das umgesetzt werden? Um den Transfer ins Wasser zu ermöglichen, brauchte es anfangs die Unterstützungvon drei Fachmitarbeitenden und zwei verschiedenen Liften.
«Die Physiotherapie im Wagerenhof unterscheidet sich deutlich von einer üblichen Praxis. Die Arbeit erfordert viel mehr Kreativität. Übungen müssen individuell angepasst werden. Was in der Ausbildung theoretisch funktioniert, braucht hier oft neue Wege.», erklärt Helene. «Manchmal reagiert jemand nicht auf eine Übung. Dann merken wir: Diese Person mag Tennisbälle sehr. Also passen wir die Übung an und integrieren einen Tennisball zur Aktivierung.»
Anders ist auch der Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Wohngruppen. Das Physio-Team dokumentiert jede Einheit und gibt konkrete Rückmeldungen an die Betreuungspersonen. Ziel ist, dass Übungen auch ausserhalb der Therapie stattfinden und in den Alltag integriert werden. Aktuell sind rund 100 Bewohnende in physiotherapeutischer Behandlung.
Zum umfassenden Betreunngsangebot des Wagerenhofs zählt auch das hauseigene Physio-Team mit sieben Therapeutinnen. Wem es nicht möglich ist, die Physioräume zu besuchen, wird direkt auf der Wohngruppe behandelt. Andrea ist mit ihrem Rollstuhl mobil und kurvt selbständig zu ihrem Termin ins Therapiegebäude, das gleichzeitig auch ein Schwimmbad beheimatet.
Ob eine Person physiotherapeutisch unterstützt wird, wird beim Eintritt in den Wagerenhof geprüft. Vor Beginn einer Therapie klärt das Physio-Team gemeinsam mit der Wohngruppe, worauf besonders zu achten ist. Nicht alle Bewohnenden können Schmerzen benennen. Manche kommunizieren nur über Körpersignale. Bei anderen braucht es Zeit, um herauszufinden, was sie empfinden und wie sie es ausdrücken können.
Andreas Therapie umfasst gezielte Übungen in ihrem Zimmer und Bewegungstrainings im Wasser. Ausserdem trainiert sie regelmässig auf einem Bewegungstrainer. Was braucht es, damit Physiotherapie auch nachhaltig wirkt? Helene meint: «Wir benötigen eine gewisse Kooperation. Wenn jemand kein Interesse am Mitwirken zeigt, bringt die Therapie nicht viel. Andrea war jedoch von Anfang an sehr motiviert.» Nach vier Jahren konnte sie zum ersten Mal wieder stehen. Inzwischen kann sie auch eigenständig am Bettrand sitzen. Gemeinsam mit ihren Betreuungspersonen arbeitet sie an weiteren Bewegungszielen.
Heute hat Andrea eine Kostengutsprache der Versicherung für eine monatliche Wassertherapie erhalten. Weil der Erfolg Andrea’s Wille gestärkt hat, besucht sie zusätzlich privat weitere Therapiestunden.
Ob sie irgendwann mal ein paar Schritte mit Unterstützung gehen kann? «Nichts ist unmöglich.», meint Helene. «Es braucht aber einen starken Durchhaltewillen und vor allem regelmässiges Training.»
Der Weg von Andrea zeigt, wie viel Potenzial in gezielter, begleiteter Therapie steckt. Manche Bewohnende benötigen gezielte medizinische Therapie, andere profitieren von Bewegungsübungen im Wasser oder aktivierenden Alltagsübungen. Andrea wurde darin unterstützt, wortwörtlich ihren eigenen Weg zu gehen. Schritt für Schritt. Es geht dabei nicht um Leistung oder messbare Erfolge, sondern um Wohlbefinden. Andrea ist auf jeden Fall stolz auf ihre bisherigen Fortschritte. Wir auch.