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Kreative Hilfsmittel für mehr Teilhabe

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27. Februar 2026

Inklusion und Teilhabe funktionieren nur, wenn Orte, Arbeitsinstrumente oder Kommunikationsmittel barrierefrei sind. Was bedeutet dies für den Wagi als Arbeitgeber für Menschen mit Behinderungen?

In Leichter Sprache

  • Reto arbeitet in der Werkstatt.
  • Er arbeitet gerne an Maschinen.
  • Reto ist stolz, dass er an den Maschinen arbeiten darf.
     
  • Titus arbeitet als Betreuer in der Werkstatt.
  • Titus hat die Maschinen der Werkstatt umgebaut.
  • Die Maschinen sind deshalb nicht gefährlich für Reto.
     
  • Reto und Titus haben grosse Freude an ihrer Arbeit.

Draussen ist es heiss an diesem Freitagnachmittag. Die Hitze scheint Reto jedoch kaum zu stören. Pünktlich um halb zwei erscheint er an seinem Arbeitsplatz im Werkraum. Er strahlt über das ganze Gesicht und sagt gut gelaunt: «Ich schaffe gern!». Dann nimmt er Platz an seinem Arbeitspult im Werkraum. Zuerst wirft er einen Blick auf die zwei vor ihm liegenden Schachteln, dann einen fragenden Blick zu Titus, seinem agogischen Fachmitarbeiter: «Nehme ich zuerst die blaue oder die rote Schachtel?». Doch dieser antwortet nicht, sondern gibt ihm die nötige Zeit zum Überlegen. Er kennt Reto gut und weiss: Diese Entscheidung kann der Mitarbeiter selbst treffen.

Es dauert nur einen kurzen Augenblick, bis sich Reto für die richtige Schachtel entscheidet. Wenn Titus über Reto spricht, wird sofort spürbar, wie sehr ihn dessen Können beeindruckt. Reto erledigt viele verschiedene Aufgaben für den Werkraum. Für Retos Entwicklung ist es sehr wichtig, dass ihm diese Selbstständigkeit zugetraut wird. Er erzählt von einem Arbeitsunfall, den er an seinem früheren Arbeitsplatz erlebt hatte. Sein halber Fingernagel kam dabei weg. Dieser Vorfall erwähnt Reto heute noch mit viel Respekt.

Hilfsmittel sind das A und O

Für den Wagerenhof ist es ein glücklicher Zufall, dass Titus ursprünglich eine Ausbildung zum Architektur-Modellbauer absolviert hat. Durch seine frühere Tätigkeit ist er geübt darin, zweidimensionale Entwürfe in dreidimensionale Modelle zu übersetzen. «Architektur-Modelle sind oft beweglich», erklärt er. Damit sie funktionierten, musste er Hilfsmittel dazu entwickeln. Und genau hier liegt die Parallele zu seiner heutigen Arbeit: «Im Wagi brauchen wir ebenfalls Hilfsmittel. Zwar sind es andere Arten von Hilfsmittel. Doch der Schritt dahin ist nur noch klein.» Die Hilfsmittel sind das A und O. Sie ermöglichen den Mitarbeitenden, Aufgaben im Arbeitsalltag übernehmen zu können, welche sie ohne diese nicht verrichten könnten.

Titus arbeitet seit 19 Jahren für den Wagi und hat bereits viele Hilfsmittel entwickelt. Auch die Stanzmaschine im Werkraum hat er umgebaut. Früher stanzte die Maschine Stahlblech – heute presst sie tausende von Metalldeckeli flach. Entdeckt hat Titus die Maschine bei einer Werkstattauflösung. Sofort wusste er, dass sie für den Wagi ein wertvolles Arbeitsinstrument sein könnte. Die Herausforderung bestand darin, die Maschine barrierefrei zu machen. Dank Titus Fachwissen und Erfindergeist traut sich Reto heute wieder einiges zu. 

Angetrieben wird die Maschine über massive und kraftvolle Zahnräder - entsprechend gefährlich sind sie für die Menschen, die an ihr arbeiten. Titus hat sie daher mit Hauben abgedeckt. Aus Teilen, die er teilweise in Altmetallmulden gefunden hat. Dank dieser Schutzhauben sind die Zahnräder für die Mitarbeitenden nicht mehr antastbar. Auch die transparente Verkleidung aus Plexiglas geht auf Titus zurück. Das Glas erlaubt den Blick auf den Stempel, schützt aber zuverlässig vor dem Eingriff mit der Hand. Beim Bedienen besteht somit keine Gefahr. Erst wenn Reto beide gelben Powerknöpfe gleichzeitig drückt, setzt sich der Stempel in Bewegung. 

Es sind oft einfache Dinge, die helfen

Und was bedeutet das kleine, rote Lämpli oberhalb der Eingangstür? «Eigentlich eine banale Sache, aber für das ganze Team wichtig und wertvoll», so Titus. Wenn das Lämpli leuchtet, ist auch die Maschine mit Strom versorgt. So weiss jeder sofort, ob die Maschine bedienbar ist respektive ob sie am Abend abgestellt werden muss.

Oft sind es einfache Dinge, die eine grosse Wirkung haben. «Eine massgefertigte Erhöhung am Esstisch kann schon sehr viel bewirken», sagt Titus. Durch die Erhöhung rückt der Teller näher zur Bewohnerin und sie kann somit selbstständig essen. Für einen anderen Bewohner hat er eine Trinkvorrichtung gebaut, die dauerhaft funktioniert. Die frühere Trinkflasche aus Kunststoff ging unzählige Male kaputt, weil der Bewohner im Rollstuhl immer wieder irgendwo anstiess. Die neue Version aus Aluminium, von Titus entworfen, hält nun bereits seit fünf Jahren.

Am Ende des Tages freut sich Titus über die positive Resonanz, die seine Lösungen bei den Bewohnenden und Mitarbeitenden auslösen. Und Reto ist stolz, dass er die Stanzmaschine selbstständig bedienen kann.

Arbeiten ohne Druck

Im Wagerenhof sollen alle Bewohnenden eine ihnen entsprechende Tätigkeit ausüben können. Ein breites Spektrum an Möglichkeiten bieten unsere fünf Betriebe: Landwirtschaft & Gärtnerei, Ateliers & Verkauf, Gastronomie, Hauswirtschaft sowie Technik und Dienstleistungen. Hier findet Inklusion in Form von Tagesstruktur, Werkstätten oder praktischer Ausbildung statt. Dabeisein, Dazugehören und Erleben stehen im Vordergrund, nicht die produktive Dienstleistung oder Produktherstellung.

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