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Betriebe, Stiftung Wagerenhof, Tagesstruktur, Unterstützen

Wenn aus Resten Neues entsteht

Michela, Kommunikation

01. April 2026

Abfall ist nicht immer Abfall. Im Wagerenhof ist er oft der Anfang von etwas Neuem. In unseren Ateliers werden Materialien weiterverwendet, die sonst im Abfall landen würden. Viel wichtiger aber: Menschen kreieren dabei etwas Neues. Im Wagerenhof arbeiten und leben rund 250 Bewohnende. Viele von ihnen nehmen an einer betreuten Tagesgestaltung teil. In verschiedenen Ateliers entstehen dabei Produkte für den Blumenladen oder Dekoration für den ganzen Wagi. Was alle Ateliers verbindet: Es geht um sinnvolle Tätigkeiten und um Teilhabe am Alltag.

In Leichter Sprache

  • Im Wagerenhof entstehen aus alten Materialien neue Produkte. Beispiele: Kerzen oder Karten.
  • Die Arbeiten finden in Ateliers statt. Dort arbeiten Menschen mit Behinderung. 
  • Niemand muss etwas leisten oder schnell sein. 
  • Aus Abfall wird etwas Neues. Das nennt man auch: zirkulär.

Zirkuläres Arbeiten bedeutet im Wagerenhof nicht nur, Ressourcen zu schonen. Es bedeutet auch, Arbeit so zu gestalten, sodass möglichst viele Menschen daran teilhaben können. In den Ateliers werden deshalb bewusst Materialien eingesetzt, die andernorts aussortiert wurden:

•    Im Papieratelier werden nicht verkaufte Karten in Einzelteile auseinandergenommen, gestanzt und in neue Karten weiterverarbeitet. Aus Stanzabfällen wird neues Papier geschöpft.
•    Im Webatelier werden alte Stoffe oder Bettlaken in Streifen geschnitten und daraus Teppiche gewebt.
•    Im Dekorationsatelier werden Alltagsgegenstände wie alte Kleiderbügel oder Plastikrollen zu Dekorationsobjekten.
•    Im Nähatelier wird Lavendel zweiter Qualität in Duftsäckli oder Augenkissen verarbeitet. Auch dort werden aus ausgedienten Textilien beispielsweise Schlüsselanhänger oder Taschen genäht.
•    Im Kerzenatelier werden bei der Herstellung der Kerzen entstandene Ausschuss-Produkte nicht weggeworfen, sondern wieder eingeschmolzen.

Nebst neuen Produkten, die aus alten Materialien entstehen, ermöglichen die Ateliers auch Tätigkeiten mit unterschiedlichem Anspruch, die sich an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Teilnehmenden orientieren. Viele Arbeitsschritte sind einfach gehalten, andere erfordern Konzentration und Geduld. Gerade diese Vielfalt macht es möglich, dass ganz unterschiedliche Menschen Teil des Ganzen sind.

Was ist eine Tagesgestaltung?

In der Tagesgestaltung der Stiftung Wagerenhof erhalten Bewohnende und externe Teilnehmende eine feste Alltagsstruktur. Sie gehen in den Ateliers einer sinnvollen Tätigkeit nach, ohne Leistungs- oder Produktionsdruck. Ziel ist es, am Alltag teilzuhaben, Fähigkeiten zu stärken und Selbstwirksamkeit zu erleben. Die Arbeiten sind real, die Produkte werden genutzt oder verkauft. Der Weg dorthin ist genauso wichtig wie das Ergebnis. Agogisch geschulte Mitarbeitende betreuen und begleiten die Teilnehmenden gemäss ihren Interessen, Fähigkeiten und Entwicklungswünschen.


«Ich bruch zerst mal en Kafi»

Michelle leitet das Blumenatelier und erklärt den Ablauf eines typischen Morgens: «Bei uns kommt es natürlich auf die Saison und vor allem darauf an, welche Blumen aus dem Wagi-Blumenladen nicht verkauft wurden.» Generell können die Teilnehmenden erst einmal in Ruhe ankommen und dann wird geschaut, wer auf welche anstehenden Aufgaben Lust hat. Währenddessen trifft Tina ein, gähnt laut und sagt: «Ich bruch zerst mal en Kafi». Philip sitzt bereits an seinem Platz. Vor ihm liegt ein Piktoboard, auf dem seine Aufgaben visuell dargestellt sind inklusive Zeitangaben. Neben ihm tickt eine Uhr. Philip hat mit dem Lavendel-Zupfen begonnen: Er trennt sorgfältig die Blüten vom Stiel. Die Blüten werden später für Badesalz oder Duftsprays verwendet, die dann im Blumenladen verkauft werden. Diese Arbeit eignet sich besonders gut für den Winter, wenn weniger Restblumen anfallen. Und dennoch ist reichlich Material der letzten Saison vorhanden: Die Schränke sind voller Kisten mit bereits getrockneten Blütenblättern und ordentlich angeschrieben: Rosen, Lavendel, Ringelblumen, Kamille. Und lauter zusammengedrückter Blumen aus der Holzpresse. Letztere werden auf handgeschöpftes Papier geklebt, die im Papieratelier entstehen. Auch die Ateliers greifen also ineinander.

Philip kommuniziert hauptsächlich nonverbal und lebt erst seit Kurzem im Wagerenhof. Wie findet man heraus, welche Tätigkeiten ihm Freude machen? Michelle beschreibt es einfach: «Ich habe mich am Anfang neben ihm gesetzt und den Lavendel gezupft. Er hat mich dabei mit Neugier beobachtet und als ich ihm den Lavendel in die Hand drückte und fragte, ob er es auch versuchen will, hat er sich gleich an die Arbeit gemacht.»

Was sind Piktogramme?

Piktogramme (kurz: Piktos) sind visuelle Symbole, die Tätigkeiten, Abläufe oder Zeiten darstellen. Sie helfen Menschen, sich zu orientieren, selbstständig zu arbeiten und Übergänge besser zu bewältigen. Besonders dann, wenn mündliche Sprache allein nicht ausreicht.


Jede Fähigkeit hat ihren Platz 

Philips Uhr klingelt: Zeit für die nächste Aufgabe. Prompt steht er auf, räumt seine Station ab und streckt sich zufrieden. Michelle zeigt auf das nächste Pikto: Dokumente schreddern. Es ist eine Entlastungsarbeit für das ganze Team und genauso wichtig wie jede andere Tätigkeit. Cynthia arbeitet derweil still an einem anderen Tisch. Sie füllt Verveineblüten aus der eigenen Landwirtschaft in Filterbeutel für den Tee, der in den Pausen getrunken wird. Das Zunähen der Beutel überlässt sie anderen.

Niemand muss etwas leisten, niemand muss ein bestimmtes Ziel erreichen. Und doch ist der Stolz spürbar, wenn aus vielen kleinen Arbeitsschritten ein fertiges Produkt entsteht. Nebst einer sinnvollen Beschäftigung bietet die Tagesgestaltung auch ein offenes Ohr für Sorgen oder Ärgernisse aus dem WG-Leben. «Manchmal komme ich ins Atelier und es gehen mir viele Sachen durch den Kopf. Dann schöpfe ich am liebsten Papier. Das hat etwas beruhigendes.», sagt eine Teilnehmerin.

Am Ende des Tages zählen nicht die fertigen Produkte allein. Entscheidend ist, dass Menschen einen Rhythmus haben, einen Ort, an dem sie dazugehören und das Gefühl, gebraucht zu werden. Ob beim Schöpfen, Zupfen, Stanzen oder Schreddern. Und genau darin liegt der Wert dieser Arbeit.

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