Die Wagi-Cafeteria glänzt. Der Boden ist frisch gewischt, die Tische stehen bereit. Alle Seifenspender in den Toiletten sind aufgefüllt, am Eingang liegt der rote Teppich parat. Gleichzeitig werden Haare geföhnt, Nägel lackiert und Kleider anprobiert. Im Wagerenhof laufen am heutigen Nachmittag viele Vorbereitungen parallel - leise, konzentriert und mit spürbarer Vorfreude. Das Candle Light Dinner gehört als fester Bestandteil zum Freizeitangebot im Wagerenhof. Für unsere Bewohnerinnen und Bewohner ist es ein Höhepunkt im Jahr.
Einmal im Jahr verwandelt sich die Wagi-Cafeteria für einen Abend in ein kleines Fünf-Sterne-Restaurant. Bei Kerzenschein und sanften Tönen geniessen die Bewohnerinnen und Bewohner ein serviertes Drei-Gänge-Menü. Rund ein Dutzend Mitarbeitende, Lernende sowie freiwillige Helfende arrangieren Teller, Gläser und glitzernde Läufer auf weissen Tischtüchern. In der Küche dampfen die ersten Töpfe und ein feiner Duft von frisch gedünstetem Gemüse liegt in der Luft. Alle eingespannten Teams arbeiten hoch konzentriert, gesprochen wird wenig. 87 Gäste werden erwartet. Bis dahin muss alles bereit sein.
Während in der Cafeteria die Vorbereitungen laufen, richten sich auch die Bewohnerinnen und Bewohner für den grossen Abend her. Das Freizeit-Team hat den grossen Festsaal in einen Beauty- und Kleidersalon umfunktioniert. Haare werden festlich frisiert. Dezentes Make-up wird aufgetragen. Bunt lackierte Nägel und sanfte Handmassagen runden das Angebot ab. Die Bewohnenden geniessen das Verwöhnprogramm und lächeln zufrieden. Elisabeth freut sich schon seit Wochen auf den heutigen Abend: «S’Esse isch vornehm und wird serviert.», sagt sie und lächelt. Auch Bettina strahlt: «Es isch schön deckt und es git öpis Feins.»
Für das passende Outfit geht es einen Raum weiter zur «Boutique». Hier reihen sich entlang der Wände meterlange Kleiderstangen. Das grosse Angebot an eleganten Secondhand-Kleidern ist sortiert nach Farben und Stilen. Hier ein langer Jupe mit blumigen Volants, da ein blaues Satin-Jaket mit Schlips, dort eine mit rosa Strasssteinen besetzte Jeans. Für jeden Geschmack ist etwas da. Auf dem grossen Tisch in der Mitte funkelt es verführerisch: Perlenhalsketten, Armbanduhren und glitzernde Ohrringe. Wer ein Schmuckstück oder ein Kleid ins Herz schliesst, darf es gleich anziehen. Freiwillige Helfende stehen bereit, um beim Aussuchen und Anprobieren zu unterstützen.
Das Freizeit-Team organisiert das Candle Light Dinner. Von den Wohngruppen erfahren sie, wie viele Personen sich für diesen besonderen Event herausputzen möchten. «Wichtig ist, dass nicht alle gleichzeitig kommen», erklärt Dési das Vorgehen. «Wir möchten uns für jede und jeden genügend Zeit nehmen.». Wer dennoch einmal warten muss, ist gut aufgehoben. Am grossen Holztisch gibt es Bänke zum Sitzen und Beobachten - wer mag, bekommt sogar noch einen Kaffee serviert.
Es wird viel gelacht und fröhlich geplaudert an diesem Samstagnachmittag. Draussen erklingt plötzlich die Melodie von «Oh du goldigs Sünneli» - im Einklang mit der Sonne, die sich gerade aus dem Nebel befreit. Es ist Reto, der konzentriert in seine Trompete bläst. Vor sich sein aufgeklappter Koffer, gefüllt mit Dutzenden von Notenblättern. Nach ein paar Minuten pausiert er für einen Moment und erklärt: «Ich üebe für hüt Abig». Er will beim Dinner für musikalische Begleitung sorgen. Aber in erster Linie das Essen geniessen - verständlicherweise.
Während vorbereitet, gelacht und geübt wird, sorgt im Hintergrund das Reinigungs-Team dafür, dass sich alle wohlfühlen. «Ich bin immer wieder beeindruckt davon, wie reibungslos die Logistik unserer Reinigung funktioniert», verkündet Christine stolz. Dass jeder Raum des Wagerenhofs stets ordentlich und sauber ist, verdanken wir unseren engagierten Mitarbeitenden der Reinigung. Dreimal täglich kommen die Teams zu einem Briefing zusammen. Treffpunkt: Grosser Sitzungsraum im Erdgeschoss. Das erste Treffen steht um 6 Uhr in der Früh an. Ausschliesslich Fachmitarbeitende sind dann vor Ort. Sie sind zuständig für den ersten Kehr in den Wohngruppen. Weil zu dieser Zeit noch alles schläft, können sie effizient und ungestört die Küchen reinigen. Beim zweiten Briefing um 9 Uhr treffen auch die Mitarbeitenden der Tages- und Werkstätten ein. Für das letzte Briefing des Tages treffen sich alle nach der Mittagspause.
Hinter dem geschäftigen Betrieb steht ein durchdachtes Konzept: Die Mitarbeitenden der Reinigung arbeiten in zwei Teams. Das erste Team besteht aus ausgebildeten Fachkräften. Sie erledigen klar definierte Aufgaben und folgen einem Leistungsauftrag. Das zweite Team setzt sich aus Menschen aus den Tages- und Werkstätten zusammen. Ihr Arbeitsplatz ist geschützt und der Ablauf klar strukturiert. Christa trägt die agogische Verantwortung für dieses Team. «Wir sorgen dafür, dass alle eine Tätigkeit ausüben, die ihren Fähigkeiten entspricht und sie nicht überfordert», erklärt sie. Freude und Erfolgserlebnisse stehen dabei im Vordergrund.
Die Menschen, die in der Reinigung arbeiten, helfen von sich aus mit. «Wir üben keinen Druck aus», erklärt Christa. Weshalb das so gut gelingt? Christa betont, dass die Mitarbeitenden einbezogen werden. Sie dürfen selbst entscheiden, ob sie beispielsweise den Boden aufnehmen möchten. An diesem Prozess wachsen sie. Anita ist ein schönes Beispiel dafür. Man habe irgendwann festgestellt, dass sie an ihrem alten Arbeitsort sehr still gewesen sei, in sich gekehrt. Sie kam deshalb versuchsweise ins Reinigungs-Team. «Anfangs war sie einfach nur dabei», erinnert sich Christa. Irgendwann zeigte die Tagesstätterin von sich aus mehr Interesse, griff zum Staubwedel und half mit. Heute ist Anita ein festes Teammitglied. Christa ist überzeugt: «Jeder Mensch möchte Sinnvolles bewirken. Wenn wir etwas Schmutziges reinigen, sind die Resultate besonders gut sichtbar. Das ist sehr befriedigend.» Die Tür zum Sitzungszimmer geht auf. Koni kommt rein und ruft fröhlich in die Runde: «Hände hoch!». Auch er gehört seit einigen Jahren zum Team. Er fühlt sich sichtlich wohl. «Wenn wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern vermitteln können, dass sie dazu gehören, haben wir unseren Auftrag bereits erreicht», bringt es Christa auf den Punkt.
Wenn am Abend die Lichter gedimmt werden und die ersten Gäste eintreffen, ist vieles bereits passiert. Räume wurden verwandelt, Abläufe abgestimmt, Menschen begleitet. Das Candle Light Dinner ist mehr als ein schöner Anlass. Es ist das Ergebnis von Inklusion und Zusammenarbeit. Jetzt darf's losgehen.